Herr Professor Gąsowski lehrte Geschichte nach einer ganz eigenen, leicht
zerzausten Methode. Von den großen Gestalten, die über die Elysischen Gefilde
wandern oder zwischen den Sternen kreisen, liebte er manche mit Inbrunst;
über andere sprach er mit spöttischer Geringschätzung; und einige wenige
erwähnte er gar nicht, so als hätten sie ihn persönlich auf dem Korridor
beleidigt.
Über seine Lieblinge dagegen sprach er mit heißer Begeisterung, stimmte
ihnen hohe Hymnen an und setzte hinter jeden Satz ein Ausrufezeichen wie
eine Zypresse an ein Grab. Von Napoleon — dem Geliebtesten unter den
Geliebten — sprach er wie ein inspirierter Dichter. Man meinte, der alte
Herr müsse jeden Augenblick aufspringen, donnernd Vive l’Empereur!
rufen und sich selbst in die Schlacht stürzen.
Er hatte große, helle Augen, und in ihnen lag stets derselbe Ausdruck —
gleichsam ein immerwährendes Erstaunen, als sei die Welt ihm aller fünf
Minuten eine neue Überraschung. Bisweilen brach er mitten in der Vorlesung
ab, blickte weit vor sich hin und betrachtete lange etwas, das nur er
sehen konnte. Dreißig Augenpaare schauten ihn warm an, denn der Professor
war herzlich geliebt.
Sein Erstaunen kannte daher keine Grenzen, als zu Beginn des Juni, also
schon gegen Ende des Schuljahres, der erste aufgerufene Galgenvogel,
der sich Kaczanowski nannte, nicht wie gewohnt von seinem Platz aufsprang
und an das Katheder trat, sondern ganz und gar zur Salzsäule erstarrte.
— „Kaczanowski!" rief ihn der Professor zum zweiten Mal.
— „Ich, Herr Professor?" fragte er gleichsam vorwurfsvoll. „Das muß ein
Irrtum sein… Ich sollte doch heute nicht geprüft werden…"
Ein erschrockenes Murmeln lief durch die Klasse, als bewege ein Wind das
schlafende Schilf. Der Verurteilte trat ans Katheder und stand dort, in
eine Salzsäule verwandelt, gepeinigt, geschlagen, unglücklich. Aus der
ersten Bank zischte der gute Kamerad Cisowski mit dem erstickten Flüstern
eines Bauchredners:
— „Lenke ab auf Napoleon!"
In diesem Augenblick war der rettende Rat keinen lumpigen Pfennig wert.
In dem ehrwürdigen Professor war eine ungewöhnliche Wachsamkeit erwacht.
Seine stets erstaunten Augen waren noch mehr erstaunt. Als zweiter kam
Ostrowicki, der sich dem Katheder näherte mit dem Schritt eines zur
Hinrichtung Geführten.
— „Heute ist doch Donnerstag!" rief er verzweifelt. „Das ist nicht mein Tag…"
Der Professor sah ihn an wie einen sanftmütigen Verrückten. Er schloß die
Augen, als blende ihn die Sonne, öffnete sie wieder, um das ungewöhnliche
Bild nicht zu verlieren. In der Klasse senkte sich beklemmende Stille.
Obgleich der Tag strahlend sonnig war, ward es im Klassenzimmer dunkel.
Man konnte bis in die letzten Bänke den müden, ungleichen Atem des Professors
hören. Er versank in gequältes Schweigen wie in einen Morast.
Dann erhob sich Cisowski aus der ersten Bank. Er war ein unförmlicher Junge,
etwas untersetzt, mit zerzaustem Schopf; nach seinem Wuchs zu urteilen,
mußte er kräftig und sehnig sein. Sein Blick war kühn und seltsam durchdringend.
In diesem Augenblick war er blaß und ergriffen. Er sprach mit weicher,
melodischer Stimme:
— „Herr Professor, ich werde alles erklären. Ich allein bin an allem schuld.
Niemand sonst, nur ich. Weder Kaczanowski noch Ostrowicki."
Herr Professor Gąsowski trat langsam an die erste Bank. Er blickte tief in
die verständigen Augen des Jungen und sah lange in sie hinein.
— „Heute ist unser Waterloo," sagte Cisowski rasch, mit atemlosem Hauch
die Worte vorwärtshetzend. „Napoleon hatte den tiefen Graben auf dem
Schlachtfeld nicht gesehen, und ich habe den Irrtum des Herrn Professors
nicht vorhergesehen. Daher rührt unsere schmähliche Niederlage…
Nach den genauesten Berechnungen sollten heute Napiórkowski, Stankiewicz
und Wilczek geprüft werden. Statt dessen begann der Herr Professor in
der Zerstreutheit eine Seite zu früh, fing also bei Kaczanowski an.
Das ist die Dreiergruppe vom kommenden Samstag."
Der Professor begann rasch mit den Augen zu blinzeln und blickte Cisowski
mit unverhohlener Angst an.
— „Das bedeutet, Herr Professor, daß der Herr Professor seine Methode
hat… Ich habe sie schon vor langer Zeit entdeckt. Fast jeder Professor
hat eine Art und Ordnung beim Prüfen. Der Herr Professor prüft jedes Mal
drei, und diese drei wählt er nach unwandelbarer Ordnung. Zuerst den ersten,
dann den zehnten und den zwanzigsten — das nächste Mal den zweiten,
den elften und den einundzwanzigsten, und so fort. Da wir hier genau dreißig
sind, war es leicht zu errechnen, wer und wann geprüft werden würde."
Der Professor wich plötzlich zurück und sah Cisowski an wie einen Zauberer.
— „Das war doch mein tiefstes Geheimnis!" rief er laut.
So fing es an. Alles andere — Diamanten, Briefe, veilchenblaue Augen — kommt danach.